KÜNSTLERISCHE STRATEGIEN

In der Unübersichtlichkeit der Gegenwart gilt es eine neue Ordnung für aktuelle Kunst zu stiften. Diese wird an den Methoden, den Strategien und Konzepten festgemacht, die Kunstschaffende in ihren Arbeiten anwenden. Was macht also aktuelle Kunst aus? Gibt es gängige Methoden und Strategien, die sie verwendet? Und wenn ja, welche wären es...?

Viele Arbeiten aktueller Kunst bauen auf folgenden Grundsätzen auf. Sicherlich gibt es noch weitere, aber uns werden im Wesentlichen folgende neun Strategien begegnen. Um sie immer parat zu haben, sollte man sie nicht nur kennen, sondern auswendig kennen. Eine Eselsbrücke kann dir dabei helfen, wenn du an das britische Maß Bier denkst, das Pint. Mit der 2-4-2-1 Methode gelingt es dir.


Partizipation

Partizipation bedeutet teilnehmen. Bei dieser Strategie möchte der Künstler, dass der Betrachter seine Rolle überwindet und aktiv an der Gestaltung teilnimmt.

 

Ein Beispiel für diese Strategie ist ein kollektives Kunstwerk von Félix González-Torres', das aus ausgelegten Zuckerwaren besteht. Das Werk ist erst vollkommen, wenn der Betrachter sich einen Bonbon nimmt. Er versucht, den Menschen damit die Ehrfurcht vor der Kunst zu nehmen. Marina Abramovic sitzt an einem Tisch. Gegenüber bietet sich dem Rezipienten ein freier Stuhl. Erst sobald er den Platz einnimmt, tritt er in den unmittelbaren Blickkontakt der Künstlerin, taucht in ihre Aura. Ohne einem Gegenüber gäbe es dieses Kunstwerk nicht.


Provokation

Pussy Riot erzeugen mit ihrer Provokation eine große Aufmerksamkeit auf sich und ihre Kritik an Putin, dem Staat, der Gesellschaft und der Kirche, was durch ihre ungewöhnliche und verbotene Art des Auftritts gewährleistet wird.

 

In "Jeff und Ilona made in Heaven" oder „Ilona on Top“ ist der Unterschied zwischen Pornographie und kreativer Provokation nicht mehr klar erkennbar, was durch die sexuelle Darstellung gegeben ist.


Inspektion

Inspektion heißt genaue Beobachtung. Bei dieser Strategie versucht der Künstler durch Serien, Archive, Variationsfolgen und Dokumentationen die Besonderheiten und Unterschiede der Gegenstände zu zeigen.

 

Sammlung, (Ästhetische) Forschung und Experiment


Inszenierung

Die Inszenierung ist die Verbindung von Kunst und Theater.

Dabei wird versucht, die Komplexität des Lebens abzubilden, was dann zum Kunsttheater führt.

 

Fiktion und Inszenierung bestimmen seit jeher unsere Realität. "Die ganze Welt ist Bühne / Und alle Frauen und Männer bloße Spieler" heißt es schon bei Shakespeare. Auch heute ist das komplexe Verhältnis von Schein und Sein ein zentrales Thema zeitgenössischer Kunstwerke. Dabei sind die Strategien und Perspektiven unterschiedlich. Die Künstler setzen sich mit der Bühne als kulturellem und illusionistischem Raum auseinander, thematisieren die Rolle des Betrachters und stellen grundlegende Fragen nach Identität und Rollenmustern.

 

Die Inszenierung ist die wichtigste Strategie, um ein wirksames Spektakel zu erzeugen.


Ironisierung

Strategie: Der Künstler malt Dinge, die nicht zusammenpassen bzw. nicht zusammengehören. Er zieht mit seinen Werken die Kunst ins Lächerliche.

 

Werke:

Im Werk "Meteorit" von Maurizio Cattelan trifft den Papst ein Meteorit, der einst die Dinosaurier aussterben ließ, während er sich an dem Stab seiner Religion festhält.

 

Im Werk "1.Preis" von Kippenberger sind Farbflächen in dreidimensionaler Form. Es steht 1.Preis darauf.

 

Strategie:

 

  • Maurizio Cattelans "Meteorit" zeigt den Betrachtern die Unbedeutenheit der Religion des Papstes.
  • Kippenbergers "1.Preis" zieht die Kunst ins Lächerliche, weil schon vor Beginn der Ausstellung 1.Preis darauf steht.

Irritation

Die Irritation wird als künstlerische Strategie bezeichnet und verfolgt die Absicht einer Störung unserer Routine. Die Bilder sind meistens mit Elementen konstruiert, welche den Beobachter überrumpeln. Ai Weiei legt sich hier bäuchlings auf den steinigen Boden des Strands von Lesbos und zitiert das Bild vom ertrunkenen syrischen Flüchtlingskind Aylan Kurdi.

 


Narration

Im engeren Sinne hat sich der Trend zur Narration (Erzählung) mit der Videokunst durchgesetzt. Narration meint dabei eine strukturierte Abfolge von Bildern, die sich chronologisch aufeinander beziehen. Dieser Rahmen wurde von sonderbaren Bildgeschichten durch Max Ernst vorgeprägt und durch gefilmte Kettenreaktionen von Fischli und Weiß weitergeführt. In beiden Fällen wird durch eine Abfolge von Sichtbarem etwas Tiefgründiges erzählt. Während es bei Ernst autobiografische Inhalte sind, erzählen uns Fischli und Weiß vom Lauf der Dinge.


Negation

Negation (Verneinung) steht historisch betrachtet am Anfang jeder Neuerung. Aus der Negation einer vorangehenden Kunstepoche entstand die Nächste.

 

Negation als zeitgenössische Strategie schafft Kunst als solche aus der Negation von Kunst. Tino Sehgal, der Aufseher in leeren Ausstellungsräumen den Text von Bildtiteln aufsagen lässt, ist der vermutlich prominenteste Vertreter dieser Richtung: Keine Exponate, keine Dokumentation, nur „Situationen“. Aber auch Jackson Pollock (Abstrakter Expressionismus) negierte auf seine Weise, das bis dahin vorherrschende Verständnis der Kunst: Er malt ohne mit dem Pinsel die Leinwand zu berühren. Ziel dieser Strategie ist häufig, sich aus den Fesseln geltender Regeln zu befreien und das Verständnis der Kunst zu erneuern.


Transformation + Kontextverschiebung

Definition: Die Transformation ist eine Strategie, in welcher das Werk seinen Ursprung beibehält, allerdings eine neue Bedeutung und Wirkung bekommt, da es in einen neuen Zusammenhang gebracht wird.

 

Veranschaulicht: Die transformierte Plastik ist z.B. ein Alltagsgegenstand, der aus seiner ursprünglichen Umgebung entfernt wurde, und in einem anderen Kontext ausgestellt wurde. Die Bedeutung verändert sich durch die Transformation des Kontextes.


Download
Das 2-4-2-1 Prinzip (P.I.N.T.)
Mit dieser Eselsbrücke kannst du dir die neun Strategien künstlerischen Arbeitens gut merken.
Künstlerische Strategien.pdf
Adobe Acrobat Dokument 177.1 KB
Download
Zusammenfassung: Strategien der Kunst
Strategien der Kunst.pdf
Adobe Acrobat Dokument 667.4 KB